Messen statt schätzen
Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sind an nahezu jedem Vorgang im Stoffwechsel beteiligt. In der orthomolekularen Therapie wird der individuelle Bedarf zunächst bestimmt und dann gezielt ausgeglichen – nach Befund und mit einem klaren Plan.

Reserven mit Grenzen
Der menschliche Körper kann erstaunlich viel ausgleichen. Er greift auf Speicher zurück und hält wichtige Funktionen auch dann aufrecht, wenn die Versorgung über längere Zeit nicht ausreicht. Diese Fähigkeit zur Kompensation ist beeindruckend – sie hat aber Grenzen.
Ernährungswissenschaftler beschreiben die Entstehung eines Mangels deshalb in Stufen:
- Speicher leeren sich: Die Reserven im Gewebe nehmen langsam ab. Ein kurzfristig erhöhter Bedarf, etwa bei einem Infekt, lässt sich nicht mehr decken.
- Die Zellen sind unterversorgt: Die Konzentration in den Körperzellen sinkt.
- Der Blutspiegel fällt: Stoffwechselvorgänge, die auf den Nährstoff angewiesen sind, laufen nur noch eingeschränkt.
- Erste Beschwerden: Es treten allgemeine, wenig eindeutige Symptome auf.
- Funktionen lassen nach: Körperfunktionen, die besonders auf den Nährstoff angewiesen sind, sind deutlich beeinträchtigt.
Die eigentliche Frage ist also nicht nur, ob der Körper mit einem Mangel zurechtkommt, sondern wie lange und wie gut. Leere Speicher machen sich oft erst spät und wenig eindeutig bemerkbar, etwa durch anhaltende Müdigkeit, nachlassende Belastbarkeit oder häufige Infekte. Solche Beschwerden können viele Ursachen haben. Ob die Versorgung mit Mikronährstoffen dazugehört, lässt sich klären.
Ein Netzwerk, kein Einzelkampf
Rund 40 Nährstoffe gelten als essenziell: Der Körper kann sie nicht oder nicht in ausreichender Menge selbst herstellen. Sie lassen sich in sechs Gruppen ordnen – und keine davon arbeitet für sich allein.
Mg · Ca · K
Mengenelemente
Mineralstoffe, die der Körper in größeren Mengen braucht – für Muskeln, Nerven, Knochen und den Elektrolythaushalt.
Zn · Se · Fe · I
Spurenelemente
In winzigen Mengen unverzichtbar – für Blutbildung, Immunabwehr, Schilddrüse und den Schutz der Zellen.
D · B12 · C
Vitamine
Dreizehn Vitamine, fett- oder wasserlöslich, wirken als Helfer zahlreicher Stoffwechselvorgänge – vom Knochenaufbau bis zur Nervenfunktion.
Ω3
Fettsäuren
Die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA sind Bausteine von Gehirn, Nervenzellen und Netzhaut. Entscheidend ist auch ihr Verhältnis zu Omega-6.
AS
Aminosäuren
Die Bausteine aller Eiweiße – für Muskeln, Enzyme, Hormone und die Botenstoffe des Nervensystems.
Q10
Vitaminoide
Stoffe wie Coenzym Q10 bildet der Körper selbst. Mit dem Alter oder unter bestimmten Medikamenten kann die Eigenproduktion jedoch nachlassen.
Wie eng diese Stoffe ineinandergreifen, zeigen einige Beispiele:
- Vitamin D wird erst mithilfe von Magnesium in seine aktive Form überführt.
- Vitamin C verbessert die Aufnahme von Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln.
- Zink und Kupfer konkurrieren bei der Aufnahme – ein Übermaß des einen kann einen Mangel des anderen begünstigen.
- Selen und Jod arbeiten in der Schilddrüse eng zusammen.
Entscheidend ist deshalb nicht der einzelne Nährstoff, sondern das Zusammenspiel. Ein isoliert hoch dosiertes Präparat kann ein Gleichgewicht ebenso stören wie ein Mangel. Am Anfang der Therapie steht in meiner Praxis daher nicht ein Produkt, sondern die Frage, wo Ihr Organismus tatsächlich Unterstützung braucht.
Warum Trends keine Therapie sind
Kaum ein Gesundheitsthema wird so stark beworben wie Nahrungsergänzung. In sozialen Medien, Werbespots und im Bekanntenkreis kursieren ständig neue Empfehlungen: das eine Vitamin für alle, die angesagte Kombination, die „unbedingt nötige“ Kur. Was dabei fehlt, ist der Blick auf den einzelnen Menschen.
Wer Präparate nach Gefühl oder auf Empfehlung von Nicht-Fachleuten einnimmt, ergänzt häufig das, was gar nicht fehlt – und übersieht das, was tatsächlich gebraucht wird. Dazu kommen Punkte, die in keiner Werbung stehen:
- Überdosierung ist möglich: Fettlösliche Vitamine wie A, D, E und K sowie Mineralstoffe wie Eisen oder Selen können sich bei dauerhaft hoher Zufuhr anreichern.
- Gleichgewichte geraten ins Wanken: Wer einen einzelnen Stoff auf eigene Faust hoch dosiert, kann die Balance anderer Nährstoffe stören.
- Wechselwirkungen mit Medikamenten: Manche Präparate verändern die Wirkung von Arzneimitteln – und umgekehrt.
- Qualität und Dosis sind sehr unterschiedlich: Verbindung, Reinheit und Wirkstoffmenge schwanken von Produkt zu Produkt erheblich.
Therapie mit System: zielgerichtet statt pauschal
Es macht einen grundlegenden Unterschied, ob eine junge, gesunde Sportlerin ihre Leistungsfähigkeit unterstützen möchte oder ob jemand eine belastende medizinische Behandlung durchläuft. Ziel, Auswahl und Dosierung der Mikronährstoffe sind jeweils völlig andere. Einige typische Ausgangslagen:
Therapiebegleitend
Bei belastenden Behandlungen
Begleitend zu einer schulmedizinischen Therapie: sorgfältig abgestimmt, mit Blick auf Wechselwirkungen und in Absprache mit Ihren Ärzten.
Belastung
Stress und Erschöpfung
Anhaltender Druck zehrt an B-Vitaminen, Magnesium und Zink. Hier geht es darum, die Reserven wieder aufzubauen.
Lebensmitte
Wechseljahre und Alter
Hormonelle Umstellung und eine nachlassende Aufnahme im Darm verschieben den Bedarf, zum Beispiel bei Vitamin D und B12.
Kinderwunsch
Schwangerschaft und Stillzeit
Eine Phase mit besonders hohem Bedarf, etwa an Folsäure, Jod, Eisen und Omega-3-Fettsäuren – für Mutter und Kind.
Kinder
Wachstum und Entwicklung
Kinder brauchen Nährstoffe für Wachstum, Konzentration und Abwehr. Auswahl und Dosierung werden altersgerecht angepasst.
Sport
Leistung und Regeneration
Intensives Training erhöht den Umsatz an Magnesium, Eisen und Antioxidantien. Im Mittelpunkt stehen Belastbarkeit und Erholung.
Hinzu kommen Ernährungsweise, Unverträglichkeiten, die Verdauung und Medikamente. Erst aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren mit Ihren Beschwerden und Laborwerten ergibt sich ein Bild, auf dem eine sinnvolle Behandlung aufbauen kann.
Wenn Medikamente am Nährstoffhaushalt zehren
Viele Medikamente sind notwendig und erfüllen genau ihren Zweck. Manche können bei längerer Einnahme aber die Aufnahme von Mikronährstoffen verringern, ihre Ausscheidung erhöhen oder die körpereigene Bildung bremsen. Einige häufige Beispiele:
- Säureblocker (Protonenpumpenhemmer): Vitamin B12, Magnesium, Calcium und Eisen
- Metformin (bei Diabetes): Vitamin B12 und Folsäure
- Statine (Cholesterinsenker): Coenzym Q10
- Entwässernde Medikamente (Schleifendiuretika): Magnesium, Kalium und Zink
- Hormonelle Verhütungsmittel: B-Vitamine, Magnesium und Zink
Das Risiko steigt mit der Dauer der Einnahme, der Dosis und der Zahl der Medikamente – und wenn die Versorgung schon vorher knapp war. Deshalb gehört Ihr vollständiger Medikamentenplan, einschließlich rezeptfreier Mittel und Nahrungsergänzungen, zu jeder Anamnese.
Bitte setzen Sie verordnete Medikamente nie eigenmächtig ab. Es geht nicht darum, die Behandlung infrage zu stellen, sondern die Versorgung mit Mikronährstoffen im Blick zu behalten.
Erst messen, dann ergänzen
Die Grundlage jeder Verordnung in meiner Praxis ist die Messung. Nur so lässt sich erkennen, was tatsächlich fehlt, was ausreichend vorhanden ist – und wo bereits zu viel zugeführt wird.
Dabei kommt es auf die richtige Methode an. Viele Mineralstoffe befinden sich überwiegend in den Zellen und nicht im Blutserum. Ein Serumwert im Normbereich sagt dann wenig über die tatsächliche Versorgung aus. Je nach Fragestellung sind deshalb aussagekräftigere Verfahren sinnvoll, etwa eine Vollblutanalyse der Mineralstoffe, Ferritin als Maß für den Eisenspeicher, 25-OH-Vitamin-D oder Holo-Transcobalamin für den Vitamin-B12-Status.
Wie die Labordiagnostik in meiner Praxis abläuft, erfahren Sie unter Praxis-Labor.
Regulationskur nach Plan
Auf Grundlage der Befunde erstelle ich mit Ihnen eine individuelle Verordnung. Sie legt fest, welche Nährstoffe Sie in welcher Dosis, zu welcher Tageszeit und über welchen Zeitraum einnehmen. Eine Regulationskur ist zeitlich begrenzt und hat ein klares Ziel: die Speicher gezielt aufzufüllen und die Versorgung danach stabil zu halten.
- Hochwertige Präparate: gut verwertbare Verbindungen, geprüfte Reinheit und möglichst wenige Zusatzstoffe.
- Passende Dosis: abgestimmt auf Ihre Werte – so viel wie nötig, so wenig wie möglich.
- Durchdachte Kombination: Nährstoffe, die sich gegenseitig behindern, werden zeitlich getrennt eingenommen.
- Überprüfbarer Verlauf: Kontrollmessungen zeigen, ob die Kur greift und wann sie angepasst oder beendet werden kann.
Eine Regulationskur ersetzt keine ausgewogene Ernährung. Sie ergänzt sie dort, wo der Bedarf nachweislich nicht gedeckt ist. Hinweise zur Ernährung sind deshalb fester Bestandteil der Behandlung.
So gehe ich vor
01
Anamnese
Im ausführlichen Gespräch erfasse ich Ihre Beschwerden, Ernährung, Lebensumstände, Medikamente und bisherigen Befunde.
02
Labordiagnostik
Anhand der Fragestellung wähle ich die passenden Laborwerte aus. Vorhandene Befunde beziehe ich mit ein.
03
Individuelle Verordnung
Ich bespreche die Ergebnisse mit Ihnen und erstelle einen Einnahmeplan mit klaren Angaben zu Präparat, Dosis und Dauer.
04
Kontrolle und Anpassung
Nach einigen Wochen bis Monaten werden die Werte erneut gemessen. Danach wird die Kur angepasst oder beendet.
Im Zusammenhang
Wo Mikronährstoffe außerdem eine Rolle spielen:
